Kirche und Religion

Nach ersten, keine Massenwirkung erzielenden Missionierungsversuchen im 6. und 7. Jahrhundert gelang erst dem englischen Wandermönch Bonifatius im 8. Jahrhundert die Bekehrung der Thüringer zum Christentum. Als Missionszentren wirkten die im Jahre 744 bzw. 768 gegründeten Klöster Fulda und Hersfeld, deren thüringische Klostergründungen wie beispielsweise Göllingen aufgrund der Dominanz der beiden Mutterklöster keine überregionale Bedeutung erlangten.

Im Verlaufe des Christianisierungsprozesses entstanden Ur- und Taufpfarreien, die sich bis zum 10. Jahrhundert zu Erzpriestersitzen (sedes) als regionale Zentren eines Kirchenkreises entwickelten.

Im Gefolge der im 11. Jahrhundert vom Erzbistum Mainz ausgehenden Neuordnung der Kirchenstruktur bildeten sich in Thüringen die fünf Kirchenzentren (Archidiakonate) Erfurt (St. Marien und St. Severi), Dorla, Heiligenstadt und Jechaburg heraus, denen jeweils eine bestimmte Anzahl Sedeskreise zugeordnet war. Zu Jechaburg gehörten Berga superior und Berga inferior, Großwechsungen, Bleicherode, Frankenhausen, Kannawurf, Greußen, Kirchheiligen, Marksußra und Görmar.

Nach Überlieferung soll das Kloster Jechaburg durch den Mainzer Erzbischof Williges im Jahre 1004 in den Rang eines Chorherrenstiftes erhoben worden sein. Zwei Urkunden aus den Jahren 1103 und 1104 bestätigen erstmalig den Rang Jechaburgs als Chorherrenstift mit gleichzeitigem Sitz eines Archidiakonats.

Der Werteverfall in der katholischen Kirche und die daraus resultierenden großen antipapistischen Massenbewegungen des Spätmittelalters mündeten in Deutschland in die durch Martin Luther 1517 ausgelöste Reformation als einen – neben den geistigen Strömungen des Humanismus und der Renaissance – wesentlichen gesellschaftlichen Impuls beim Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit.

Die Reformation und die daraus hervorgegangenen protestantischen Kirchengemeinschaften führten zur Auflösung der traditionellen Kirchenstruktur in Thüringen und damit auch des Archidiakonats Jechaburg.

Die Durchsetzung der Reformation in den Schwarzburger Territorien umfasste den Zeitraum zwischen 1522, dem Jahr der ersten lutherischen Predigten durch den Augustinermönch Guttelius in Arnstadt, und 1541, der Einführung der Reformation in den nordthüringischen Gebieten um Sondershausen und Frankenhausen, und gestaltete sich aufgrund der dynastischen und verworrenen lehensrechtlichen Situation in der Grafschaft Schwarzburg als ein komplizierter Prozess.
Zu Beginn des 16. Jahrhunderts war das Haus Schwarzburg in zwei Linien mit folgenden Lehensabhängigkeiten gespalten:

1. Schwarzburg-Sondershausen:

  • kirchliche Lehen: Ämter Sondershausen, Straußberg, Keula

2. Schwarzburg-Arnstadt:

  • Reichslehen: Ämter Blankenburg, Schwarzburg
  • kurfürstlich-sächsische Lehen: Amt Arnstadt
  • herzoglich-sächsische Lehen: Amt Göllingen
  • böhmisches Lehen: Amt Rudolstadt

Beide Territorien wurden von streng katholischen Grafen regiert: Sondershausen von Heinrich XXXI. (reg. 1493-1526) und Arnstadt von Günther XXXIX. (reg. 1493-1531), die bis zu ihrem Tod der Einführung der Reformation entgegenstanden.

Heinrich XXXII. (reg. 1531-1538), der Sohn des Arnstädter Grafen, hatte sich bereits zu Lebzeiten seines Vaters zur Lehre Luthers bekannt und führte nach dessen Ableben 1531, begünstigt durch die Unterstützung des lutherischen Kurfürsten von Sachsen, Lehensherr der Schwarzburger über Arnstadt, schrittweise die Reformation in der Grafschaft Schwarzburg-Arnstadt ein. Eine 1533 von ihm verordnete Kirchenvisitation, die die Zustände in den Pfarreien und Klöstern zu Beginn der Reformation überprüfen sollte, brachte den erschreckenden geistigen und moralischen Verfall der Kirche zu Tage. Insbesondere auf die Abstellung der drei Hauptgebrechen unter den Geistlichen konzentrierten sich in der Folge die Überprüfungen: Unzucht, Trunkenheit, Unwissenheit.

Mit den kirchlichen Lehen Sondershausen, Straußberg und Keula sowie den herzoglich-sächsischen Lehen Frankenhausen, Kelbra und Heringen standen Günther XL. (reg. 1526-1552), dem Sohn des Sondershäuser Grafen, zwei starke katholische Mächte gegenüber, die jede reformatorische Bewegung bekämpften.

Mit der Erbschaft der bereits seit Beginn der 1530er Jahre reformierten Grafschaft Schwarzburg-Arnstadt im Jahre 1538 sowie dem Aufschwung der reformierten Bewegung im Gefolge der Versammlung der protestantischen Stände 1539 in Arnstadt hatten sich die Rahmenbedingungen so zu Gunsten der Reformation verändert, dass Graf Günther auf dem Regensburger Reichstag 1541 den lutherischen Glauben annahm und noch im gleichen Jahr in seinen nordthüringischen Gebieten die Reformation einführte.

Für Graf Günther XL. bedeutete die Einführung der Reformation und die damit verbundene Enteignung des Kirchenbesitzes zu Gunsten der weltlichen Macht (Säkularisierung) wie beispielsweise der Ländereien des Archidiakonats Jechaburg nicht nur wirtschaftlichen Gewinn, sondern der durch die Reformation initiierte Aufbau eines landesherrlichen Kirchenregiments, in dem der Landesherr als oberster Bischof die Kontrolle über die Kirche ausübte, stärkte sein politisches Streben nach Souveränität in seinem Territorium.

Die gleichzeitige Neuordnung des Schulwesens führte in Sondershausen im Jahre 1559 zum Neubau und zur Profilierung der als voruniversitäre Ausbildungsstätte („Gelehrtenschule“) ausgelegten Stadt- und Landesschule. Das in dieser Zeit geschaffene Konsistorium regelte künftig als oberste Behörde die Kirchen- und Schulangelegenheiten im Auftrage des Landesherren.

Erst die zunehmende Freizügigkeit der Bürger durch die Reichseinigung 1871 und die rasch voranschreitende Industrialisierung im Raum Sondershausen (Kali- und Elektroindustrie) führten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem verstärkten Zuzug katholischer Christen. Die gewachsene Stärke der katholischen Gemeinde in jener Zeit manifestierte sich durch die Tätigkeit eines ortsansässigen katholischen Geistlichen ab 1896 und im Bau der katholischen Elisabethkirche in Sondershausen im Jahre 1908.

Juden lebten in Sondershausen schon im Mittelalter. Spärliche Quellen und der archäologische Fund einer Mikwe (jüdisches Ritualbad) an der westlichen Altstadtgrenze belegen die Existenz einzelner jüdischer Familien zur Zeit der Stadterhebung vor/um 1300 und ihre Ermordung bzw. Vertreibung während der Pestpogrome 1349. Eine jüdische Gemeinde scheint sich erst am Ende des 17. Jahrhunderts etabliert zu haben. Um 1700 sind Betstube und Schule nachweisbar; 1699 wurde der noch heute erhaltene jüdische Friedhof am Spatenberg angelegt. 1824/25 errichtete die Gemeinde eine Synagoge, die während des Novemberpogroms 1938 geschändet, im 2. Weltkrieg teilweise zerstört und später abgetragen wurde. Eine Gedenktafel erinnert heute an ihren Standort in der Bebrastraße.
Die jüdische Gemeinde von Sondershausen wurde während der NS-Zeit ausgelöscht.