1. Sondershäuser Symposium zur Musik

Musikalische Bildung in der NS-Zeit am Beispiel Sondershausen ist der Titel des ersten wissenschaftlichen Symposiums, den die Musikstadt Sonderhausen speziell zu ihrer bemerkenswerten Musikgeschichte am 22. und 23. Juni in der Thüringer Landesmusikakademie veranstaltet.

Die Musikstadt Sondershausen hatte nicht nur durch seine bedeutsamen Institutionen im 19. und frühen 20. Jahrhundert – die Hofkapelle und das Konservatorium – einen exzellenten Ruf als außergewöhnliche Musikpflegestätte; sie besaß auch in ihrer dunkelsten Zeit zusätzlich von 1938 bis 1945 eine außergewöhnliche Musikbildungseinrichtung, eine NS Luftwaffen-Musikschule zur Ausbildung von jungen Militärmusikern. Mehr als 240 Absolventen verließen in 7 Jahren bis zum Ende des Krieges diese einzige Elite-Einrichtung dieser Art im Dritten Reich und stellten sich als Mitglieder von Militärmusikkorps in den Dienst der Deutschen Luftwaffe. Nur der letzte Jahrgang, im Mai 1944 immatrikuliert, entging durch den Zusammenbruch von Nazideutschland diesem selbstgewählten Schicksal.

Die Geschichte dieser Einrichtung ist bislang nur ungenügend aufgearbeitet. Die Ursachen liegen in einer mangelnden Bereitschaft, sich einer solchen Vergangenheit zu stellen, in der schwierigen Quellenlage und vielleicht auch in einer Scheu, mit den noch lebenden Zeitzeugen darüber ins Gespräch zu kommen. Nach mehr als 70 Jahren hat sich - leider – die Frage der Zeitzeugenschaft geklärt. Es bleiben also nur noch die Archive, die allerdings doch mehr verraten, als ursprünglich angenommen. Das Ergebnis ist eine Studie mit zahlreichen Abbildungen, die ein Rechercheergebnis zeigt, das einen recht guten Einblick in Zielstellungen, Rahmenbedingungen und Abläufe gewährt. Der „nationalsozialistische Geist“, von dem die Einrichtung getragen ist, die umfangreiche Einbindung in die Parteiaufmärsche, -kundgebungen und -versammlungen in Sondershausen und Umgebung einerseits und die erstaunlich fundierte musikalische Ausbildung mit einer umfangreichen Konzerttätigkeit andererseits verlangen nach einer differenzierten Sicht.

Mit dem Symposium am 22. und 23. Juni, bei der diese Studie vorgestellt wird, möchte die Musikstadt ihrer Geschichte nachgehen und sich diesen Fragen stellen. Eingebettet wird das Ganze in Abhandlungen über die Militärmusik der Luftwaffe, in einen Bericht über die Arbeit an den anderen Musikschulen der Deutschen Wehrmacht in Bückeburg und Bad Homburg bis hin zur Frage nach der Bedeutung von Militärmusik heute in der Bundeswehr. Dafür konnten Oberstleutnant Dr. Heidler vom Zentrum für Militärmusik der Bundeswehr in Bonn und Oberstleutnant Dr. Potempa vom Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften in Potsdam gewonnen werden. Ganz praktisch kündet ein abendliches Konzert des in Sondershausen gut bekannten Stabsmusikkorps Erfurt unter der Leitung von Oberstleutnant Dr. Tobias Wunderle, von der heutigen Situation. Zusätzlich wird die Arbeit der Luther-Akademie von Dr. Hans Mikosch, Regionalbischof der EKM i. R., in den Mittelpunkt gestellt, die in dieser Zeit in Sondershausen wirkte und eine Brücke insbesondere zu Theologen Skandinaviens herstellen wollte. Interessanterweise existierte die Einrichtung noch bis in die 1960er Jahre der DDR. Selbstverständlich kann eine Musikgeschichtsaufarbeitung Sondershausens nicht ohne das Konservatorium vorgenommen werden. Dazu wird Ronald Uhlig vom Carl-Schroeder-Konservatorium referieren und die Situation bis 1933 (50-Jahr-Feier des Konservatoriums) darstellen. Damit verbunden ist auch ein Einblick in die Arbeit des sächsischen Landeskonservatoriums in der NS-Zeit, den die Kustodin der Sammlung Musikgeschichte der Meininger Museen, Dr. Maren Goltz, gewähren wird. Bekanntlich stand bei der Gründung das Leipziger Konservatorium Pate für Sondershausen. Und ebenfalls mit dieser Zeit verbunden ist ein interessantes Schülerprojekt von SchülerInnen des Geschwister-Scholl-Gymnasiums, die sich zusammen mit ihrem Fachschaftsleiter Geschichte, Martin Brauer, mit dem kulturellen Alltag in Sondershausen in dieser Zeit auseinandersetzen.

Über die anderen Kultureinrichtungen der Stadt in dieser Zeit - das Konservatorium, das Lohorchester und das Landestheater, die personell und strukturell eng miteinander verbunden sind - sind wissenschaftliche Veranstaltungen in den kommenden Jahren geplant, zumal sich schon im kommenden Jahr die Konservatoriumsgründung zum 140. Male jährt. Nicht minder spannend sind die Aktivitäten der Kulturinstitutionen in den Nachkriegsjahren und in der späteren DDR. So begaben sich Musiker aus den kriegszerstörten Metropolen zumindest zeitweilig in die „Provinz“, um hier weiterarbeiten zu können; das Konservatorium wird in eine neuartige, aber offenbar nicht lebensfähige Ausbildungsstätte, in eine Fachgrundschule Musik, umgewandelt oder das Landestheater brennt spektakulär in der Nacht zum Tag der geplanten Wiedereröffnung nach einer Grundsanierung ab und erhält mit dem „Haus der Kunst“ einen Ersatzbau. Bei aller Einmaligkeit der historischen Verläufe dürfte vieles auch als exemplarisch für kulturelle Entwicklungen in vergleichbaren Regionen und Zeiten gelten können und erhält dadurch eine bemerkenswerte überregionale Bedeutung.

 

Abläufe und Inhalte des Symposiums sind nachstehend zu entnehmen:

 

  1. Sondershäuser Symposium zur Musik 2022: „Musik und Bildung in der NS-Zeit am Beispiel Sondershausen“

- ein Projekt der Musikstadt Sondershausen in Kooperation mit dem Heimatbund Thüringen, der Thüringer Landesmusikakademie Sondershausen und dem Zentrum Militärmusik der Bundeswehr (Bonn) unter Mitwirkung des Luftwaffenmusikkorps Erfurt

 

Tagungsablauf Mittwoch, den 22.06.2022:

13:00 – 13:30 Uhr                               Tagungseröffnung

13:30 – 18:00 Uhr                               Referate

19:30 – 21:30 Uhr                               Konzert des Luftwaffenmusikkorps Erfurt der Bundeswehr im Achteckhaus

 

Tagungsablauf Donnerstag, den 23.06.2022:

09:00 – 12:30 Uhr                               Referate

12:30 – 13:00 Uhr                               Tagungsabschluss

 

Konzert des Luftwaffenmusikkorps Erfurt der Bundeswehr (Kammermusikbesetzung)

am Mittwoch, den 22.06.2022 um 19:30 Uhr im Achteckhaus Sondershausen

Eintritt: 12 €, erm. 10 €

Leitung: Oberstleutnant Dr. Tobias Wunderle

 

Referate

Mittwoch: 13:30 – 14:15 Uhr

Dr. Maren Goltz

Kustodin der Sammlung Musikgeschichte der Meininger Museen

Das Leipziger Konservatorium in der NS-Zeit

 

Mittwoch: 14:15 – 15:00 Uhr

Oberstleutnant Dr. Harald Potempa

Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (Potsdam)

Bunter Löwe, Hakenkreuz und Luftkrieg: Die Luftwaffe in Thüringen 1935-1945

 

Mittwoch: 15:00 – 15:45 Uhr

Oberstleutnant Dr. Manfred F. Heidler

Zentrum für Militärmusik der Bundeswehr (Bonn)

Modernismus, Ideologie und Provokation: Die deutsche Luftwaffenmusik 1935 - 1945

 

Mittwoch: 16:15 – 17:15 Uhr

Oberstleutnant Dr. Manfred F. Heidler

Zentrum für Militärmusik der Bundeswehr (Bonn)

Musikalische Ausbildung in Uniform: Die Militärmusikschulen von Wehrmacht und Waffen-SS

 

Mittwoch: 17:15 – 18:30 Uhr

Prof. Dr. Eckart Lange

Gründungsdirektor der Thüringer Landesmusikakademie Sondershausen

Die Luftwaffen-Musikschule Sondershausen / Thür. zwischen Anspruch und Verführung

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Donnerstag: 09:00 – 09:45 Uhr

Ronald Uhlig

Carl-Schroeder-Konservatorium Sondershausen

50 Jahre erfolgreiche Entwicklung. Das Sondershäuser Konservatorium bis 1933

 

Donnerstag: 09:45 – 10:30 Uhr

Dr. Hans Mikosch

Regionalbischof i.R. der EKM

Die skandinavisch-deutsche Luther-Akademie Sonderhausen (1932-1945) - Ein Versuch politischer Neutralitätswahrung

 

Donnerstag: 11:00 – 11:45 Uhr

Schülerprojekt des Geschwister-Scholl-Gymnasiums Sondershausen

Kultur und Kunst in Sondershausen in der NS- Zeit

Projektleitung: Martin Brauer, Fachschaftsleiter Geschichte am Geschwister-Scholl-Gymnasium Sondershausen

 

Donnerstag: 11:45 – 12:30 Uhr

Oberstleutnant Dr. Tobias Wunderle

Chef des Luftwaffenmusikkorps Erfurt der Bundeswehr

Luftwaffenmusik heute. Zwischen Auftrag und Identifikation

 

Das Symposium ist für alle Interessent*Innen offen. Es können auch einzelne Referate besucht werden. Alle Veranstaltungen finden in der Thüringer Landesmusikakademie Sondershausen statt. Es ist vorgesehen, die Symposiumsergebnisse in einem Tagungsband zu veröffentlichen.

 

Prof. Dr. Eckart Lange

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