Neue Infotafel am Geschwister-Scholl-Gymnasium erinnert an die Opfer des Faschismus

Geschichte sichtbar machen, Erinnerungsorte neu entdecken und die Vergangenheit mit Fragen an die Gegenwart verbinden: Unter diesem Anspruch steht das Projekt „Gedenken braucht Wissen“, das seit 2023 Schülerinnen und Schüler des Geschwister-Scholl-Gymnasiums gemeinsam mit dem Schlossmuseum Sondershausen und dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. umsetzen. Am 1. September wurde nun eine weitere Informationstafel für die Öffentlichkeit vorgestellt – diesmal am Denkmal für die Opfer des Faschismus unmittelbar vor dem Geschwister-Scholl-Gymnasium.

Zur Enthüllung der inzwischen dritten Infotafel waren unter anderem Landtagsabgeordneter Stefan Schard, Schulleiter Jürgen Wünsche, Stadträtinnen und Stadträte, Schülerinnen und Schüler, Vertreterinnen und Vertreter der Stadtverwaltung, des Schlossmuseums und des Volksbundes sowie zahlreiche Bürgerinnen und Bürger und Pressevertreter gekommen.

Eröffnet wurde die Veranstaltung von Claudia Langhammer, Leiterin der Stabsstelle Kultur, Tourismus und Wirtschaftsförderung der Stadt Sondershausen. Sie machte deutlich, dass Erinnerungsarbeit weit mehr sei, als historische Fakten zu bewahren. Entscheidend sei vielmehr die Frage, welche Vorstellungen von Geschichte und Erinnerung hinter einem Gedenkort stehen und was dieser Ort den Menschen heute noch zu sagen habe.

„Sondershausen besitzt zahlreiche Orte, die Spuren von Krieg, Gewalt, Verfolgung und politischer Erinnerung in sich tragen“, so Langhammer. Diese Orte seien Teil des kulturellen Gedächtnisses der Stadt. Gleichzeitig bestehe die Gefahr, dass sie aus dem Blick gerieten, wenn niemand mehr wisse, welche Geschichte mit ihnen verbunden sei.

Gerade deshalb sei es wichtig, Gedenkorte nicht einfach als gegeben hinzunehmen, sondern sich mit ihrer Entstehung, ihren Hintergründen und teilweise auch ihren Widersprüchen auseinanderzusetzen. „Erst dann können wir verstehen, was sie uns heute sagen wollen“, betonte Langhammer.

Schülerinnen und Schüler werden zu Forschenden

Im Mittelpunkt des Projektes stehen die Schülerinnen und Schüler des Geschichtsleistungskurses des Geschwister-Scholl-Gymnasiums unter der Leitung von Geschichtslehrer Martin Brauer. Brauer engagiert sich seit vielen Jahren intensiv für die historische Aufarbeitung sowie für eine lebendige Erinnerungskultur zur Geschichte des Nationalsozialismus.

Die Jugendlichen haben sich im Rahmen des Projektes intensiv mit verschiedenen Erinnerungs- und Gedenkorten in Sondershausen beschäftigt. Sie recherchierten historische Hintergründe, werteten Quellen aus, setzten sich mit der Entstehungsgeschichte der jeweiligen Denkmale auseinander und entwickelten auf dieser Grundlage die Inhalte der Informationstafeln.

Die Orte, mit denen sich die Jugendlichen auseinandersetzen, erzählen von Menschen, die verfolgt, entrechtet, getötet oder aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Gleichzeitig erzählen sie davon, wie Gesellschaften nach solchen Erfahrungen mit ihrer Vergangenheit umgehen.

Gerade angesichts von Krieg und Gewalt in Europa sowie des Wiedererstarkens antisemitischer, rassistischer und menschenfeindlicher Positionen sei eine solche Auseinandersetzung besonders wichtig. Erinnerung dürfe nicht nur ein Blick zurück sein. Im besten Fall schärfe sie den Blick auf die Gegenwart.

Vom „Vorbeigehen“ zum bewussten Erinnern

Wie wichtig dieser Perspektivwechsel ist, wurde bei der Veranstaltung vor allem durch die Beiträge der Schülerinnen und Schüler deutlich.

Das Denkmal vor ihrer Schule sei für viele von ihnen lange Zeit ein Ort gewesen, an dem sie täglich vorbeigingen, ohne seine Geschichte bewusst wahrzunehmen. Die intensive Beschäftigung mit dem Denkmal habe diesen Blick verändert.

Die Jugendlichen recherchierten unter anderem die Entstehungsgeschichte des Denkmals. Es wurde nach dem Zweiten Weltkrieg als Denkmal für die Opfer des Faschismus errichtet und am 14. September 1947 eingeweiht. Es erinnert an Menschen, die während der nationalsozialistischen Herrschaft verfolgt, entrechtet, deportiert und ermordet wurden.

„Nie wieder ist kein Spruch für Geschichtsbücher – Nie wieder ist jetzt“

Eine besondere Aktualität erhielt die Veranstaltung durch die Berichte von Schülerinnen, die erst wenige Tage zuvor an einem internationalen Workcamp in Polen teilgenommen und dabei die Gedenkstätte Auschwitz besucht hatten.

Im Rahmen des Workcamps des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge hatten die Jugendlichen die Möglichkeit, sich vor Ort intensiv mit der Geschichte des ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslagers auseinanderzusetzen und eine Überlebende kennenzulernen.

Eine Schülerin berichtete von der Begegnung mit einer Auschwitz-Überlebenden, die als politischer Häftling einen roten Winkel tragen musste. Die persönliche Begegnung habe ihr gezeigt, dass hinter einem solchen Symbol niemals nur eine Opfergruppe oder eine historische Kategorie stehe. Dahinter stehe immer ein Mensch mit einem Namen, einer persönlichen Geschichte und einem eigenen Leben.

Die Schülerinnen und Schüler formulierten daraus eine klare Botschaft: „Nie wieder ist kein Spruch für Geschichtsbücher – Nie wieder ist jetzt.“

„Gedenken braucht Wissen“ – ein Projekt mit nachhaltiger Wirkung

Martin Brauer, der das Projekt am Geschwister-Scholl-Gymnasium begleitet, bezeichnete „Gedenken braucht Wissen“ als eines der umfangreichsten und zugleich nachhaltigsten Projekte, das Schülerinnen und Schüler im Rahmen der Initiative „Haltung zeigen“ an der Schule bislang umgesetzt hätten.

Nach mehr als zwei Jahren systematischer Arbeit seien neben den bereits aufgestellten Tafeln zu Nikolaus von Harlem und Heinz Koch nun weitere Themenfelder bearbeitet worden. Die neuen Tafeln sollen Erinnerungsorten eine Stimme geben und sie stärker im Bewusstsein der heutigen Stadtgesellschaft verankern.

Zugleich eröffne das Projekt den Jugendlichen die Möglichkeit, aus der Geschichte zu lernen, ihre Erkenntnisse in die Öffentlichkeit zu tragen und Anerkennung für ihr Engagement zu erfahren.

Das Projekt zeigt dabei exemplarisch, wie Geschichtsunterricht über das Klassenzimmer hinausgehen kann: Die Jugendlichen recherchieren in Archiven, beschäftigen sich mit historischen Quellen, untersuchen Denkmale und Stolpersteine und setzen sich unmittelbar mit der Geschichte ihrer eigenen Stadt auseinander.

Neue Kooperation mit dem Erinnerungsort Topf & Söhne

Ein weiterer wichtiger Bestandteil der Veranstaltung war die Unterzeichnung einer Kooperationsvereinbarung zwischen dem Geschwister-Scholl-Gymnasium und dem Erinnerungsort Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz in Erfurt.

Schulleiter Jürgen Wünsche unterzeichnete die Vereinbarung gemeinsam mit Gedenkstättenpädagogin Rebekka Schubert vom Erinnerungsort Topf & Söhne.

Schubert betonte, dass die Vereinbarung weit mehr sei als ein Stück Papier. Im Mittelpunkt stehe die Frage, was junge Menschen aus Geschichte lernen können und wie aus historischem Wissen ein Verständnis für das demokratische Zusammenleben der Gegenwart entstehen kann.

Das Geschwister-Scholl-Gymnasium bringe dafür hervorragende Voraussetzungen mit. Geschichtsunterricht finde hier nicht nur im Schulgebäude statt, sondern auch mitten in der Stadt: Schülerinnen und Schüler recherchieren an historischen Orten, beschäftigen sich mit Denkmalen, Stolpersteinen und Archiven und versuchen, Geschichte für die Stadtgesellschaft greifbar zu machen.

Bereits in der Vergangenheit hatte sich der Geschichtskurs mit der Geschichte von Ludwig und Ernst Wolfgang Topf beschäftigt, den Geschäftsführern des Unternehmens Topf & Söhne. Das Unternehmen war maßgeblich am Bau von Verbrennungsöfen für das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz beteiligt. Heute befindet sich am historischen Unternehmensstandort in Erfurt der Erinnerungsort Topf & Söhne.

Erinnerung als Auftrag für die Gegenwart

Mit der neuen Infotafel erhält das Denkmal für die Opfer des Faschismus einen neuen Platz im öffentlichen Bewusstsein. Es ist nicht mehr nur ein Denkmal, an dem Menschen täglich vorbeigehen. Es wird zu einem Ort, der Informationen vermittelt, Fragen aufwirft und zur Auseinandersetzung einlädt.

Zum Abschluss der Veranstaltung wurde deutlich: Gedenken lebt davon, dass Wissen weitergegeben wird. Und Wissen allein reicht nicht aus. Es muss dazu befähigen, Fragen zu stellen, Zusammenhänge zu erkennen und Verantwortung für die Gegenwart zu übernehmen.

„Gedenken braucht Wissen“ ist damit nicht nur der Titel eines Geschichtsprojektes. Es ist zugleich eine Einladung an die gesamte Stadtgesellschaft: stehen zu bleiben, hinzusehen, Fragen zu stellen und miteinander ins Gespräch zu kommen.

Claudia Langhammer, Leiterin der Stabsstelle Kultur, Tourismus und Wirtschaftsförderung der Stadt Sondershausen, eröffnete die Veranstaltung.

Zahlreiche Bürger und Vertreter aus Politik und Presse kamen nach Sondershausen, um das das Ergebnis der Recherchearbeit zu sehen.

Die Schülerinnen des Geschwister-Scholl-Gymnasiums berichteten von den Eindrücken ihrer Arbeit in Auschwitz.

Rebekka Schubert vom Erinnerungsort Topf  Söhne und Schulleiter Jürgen Wünsche unterzeichneten einen Kooperationsvertrag.

Die neue Infotafel wurde inhaltlich von den Schülern des Geschwister Scholl Gymnasiums erarbeitet.

 

 

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