In Gedenken an Nikolaus von Halem

Nikolaus von Halem
geboren: 15.3.1905
gestorben 09.10.1944

Nikolaus Christoph von Halem bricht sein Rechtsreferendariat 1933 ab, um den Eid auf Hitler nicht schwören zu müssen. In den folgenden Jahren baut er Brücken zwischen Meinungsführern und neu entstehenden Widerstandsgruppen unterschiedlichster politischer Strömungen sowie zwischen Armee und Zivilisten auf. Im Jahr 1942 wird er in Berlin verhaftet.

 

 

Interview von Marie Luise von Halem - Enkelin

Welche Erinnerungen bzw. Geschichten haben Sie von Ihrem Großvater?

Ich habe meinen Großvater ja nie erlebt, aber an meine Großmutter habe ich eine gute Erinnerung. Allerdings hat mein Großvater seiner Frau nie detailliert von seinen Plänen erzählt – natürlich, um sie und die Kinder im Falle seiner Inhaftierung zu schützen – und sie hat deshalb nur ganz allgemein von seinen Plänen gewusst. Aber sie hat mir erzählt, er habe immer wieder Menschen zum Abendessen nach Hause gebracht, weil er ihrer Menschenkenntnis vertraut hat. Nach einem gemeinsamen Abend konnte sie ihm immer sagen, wem er vertrauen konnte und wem nicht. Daran hat er sich gehalten, und es wohl nie bereut.

Er soll ein Genussmensch gewesen sein, der sein Leben aus vollen Zügen genossen hat, gerne gut gegessen hat, ein hervorragender Tänzer gewesen sein soll und viele Freunde (und wohl auch Freundinnen) hatte. Einmal, erzählte meine Großmutter, sei er von einer Geschäftsreise nach Moskau zurückgekommen, die wohl auch der Anbahnung von Auslandskontakten für seine Umsturzpläne diente, und habe Kaviar mitgebracht. Tagelang hätten sie Kaviar gegessen.

Während seiner Studienzeit hat ihn sein Chorps (die Saxoborussen in Heidelberg) wohl wegen Trunkenheit aus dem Chorps ausgeschlossen. Später (posthum) wurde er allerdings rehabilitiert.

Natürlich gibt es noch viele weitere Geschichten von meinem Großvater, die Sie teilweise auch in dem oben erwähnten Buch finden können. Was mich – neben seinen berührenden Briefen - immer besonders beeindruckt hat, ist die Geschichte von seiner Verurteilung vor dem Volksgerichtshof im Sommer 1944. Er soll zu dem Präsidenten des Volksgerichtshofes, Roland Freisler, gesagt haben: “Ein Schiff kann untergehen, aber es muss nicht die Segel streichen.”

 

Welche Folgen hatte sein Widerstand für Ihre Familie und wie geht Sie mit dem Erbe um? (Auswirkungen in NS-Zeit, Auswirkungen danach)

Die erste und unmittelbarste Folge war natürlich, dass meine Großmutter ihren Mann verloren hat und die beiden Söhne ihren Vater. Und das zu einer Zeit und in einer Situation, die natürlich auch die Familie großen Gefahren ausgesetzt hat. Meine Großmutter ist bei verschiedenen Freunden und Verwandten untergekommen, Großteiles auf dem Land, in Thüringen, in Sachsen-Anhalt, was wegen der Bombardierungen sicherer war als Berlin und sie auch für die Nazis schwerer auffindbar machte.

Die Nachkriegszeit muss auch sehr schwer gewesen sein. Mein Vater wurde nach Heidelberg geschickt, wo er eine gute Schule besuchen konnte, aber fern der Familie leben musste.

In meiner (Kern-)Familie spielte mein Großvater mit seinen Entscheidungen eine wichtige Rolle. Mehr dazu unter Frage 7 und 8.

 

Gibt es weitere Angehörige, die Nikolaus Christoph von Halem persönlich kannten? (Wenn ja, haben Sie zu diesen noch Kontakt?)

Nein, und das ist auch biologisch kaum möglich, da mein Großvater ja im Oktober 1944 hingerichtet wurde. Wer sich theoretisch noch an ihn erinnern könnte, müsste ja jetzt etwa mindestens 90 Jahre alt sein. Da gibt es leider niemanden mehr.

 

Gibt es weitere Bilder oder Schriften bezüglich Ihres Großvaters, welche nicht öffentlich zugänglich sind?

Das ist eine schwer zu beantwortende Frage, weil ich nicht weiß, was Sie unter “weitere” verstehen. Es gibt viele Bücher über den Widerstand, die meinen Großvater erwähnen, teilweise mit Schriftauszügen und Bildern, und es gibt verschiedene öffentliche Orte (z.B. Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Gedenkstätte in der Justizvollzugsanstalt Görden/Brandenburg an der Havel, etc.). Auf jeden Fall weiß ich, dass es noch eine dicke Mappe mit Briefen aus seinen Haftjahren gibt, die bei mir in Potsdam liegt und deren Inhalt (noch) nicht veröffentlicht ist. Nicht veröffentlichte Bilder gibt es auch einige.  

 

Gab es vor uns schon Projekte oder Anfragen, von denen Sie mitbekommen haben, welche sich mit ihrem Großvater beschäftigt haben?

Ja, natürlich. Ich gebe Ihnen hier ein paar Beispiele:

  • Klaus von der Groeben, mit dem oben genannten Buchprojekt,
  • Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin,
  • Kirchengemeinde in Berlin Halemweg, die 2010 eine Gedenktafel für meinen Großvater an der U-Bahn-Haltestelle Halemweg initiiert hat,
  • Der ehemalige Brandenburger Generalstaatsanwalt Erardo Rautenberg, Brandenburg an der Havel, der in den Räumen der Generalstaatsanwaltschaft eine kleine Ausstellung über verschiedene Persönlichkeiten zusammengestellt hatte, die in der JVA Görden hingerichtet wurden,
  • Justizvollzugsanstalt Görden, BRB, in der ich einmal für eine Rede zu einer Gedenkveranstaltung eingeladen war, und wo später auch eine Gedenkstätte errichtet worden ist,
  • Antje Vollmer, Theologin und ehemalige Vizepräsidentin des Dt. Bundestags, die sich intensiv mit dem Widerstand im Dritten Reich beschäftigt hat.

 

Vertreten Sie die Meinung Ihres Großvaters bzw. wie finden Sie die Haltung, die er hatte? (Widerstandskämpfer)

Natürlich habe ich uneingeschränkt große Hochachtung vor dem, was mein Großvater gewagt, geleistet und auf sich genommen hat! Ob ich als ehemalige Politikerin für Bündnis 90/Die Grünen allerdings seine politischen Positionen geteilt hätte, kann sicher klar mit Nein beantwortet werden. Aber wir hätten diskutiert, wenn wir uns erlebt hätten.

Ich lebe und arbeite selbst gerade in einem Land, das auf dem besten Weg ist, sich in eine Autokratie zu verwandeln: Georgien. Ich habe auch im Donbas/Ukraine gearbeitet und ich habe Freunde in Russland. Ich sehe mit meinen eigenen Augen, wie Diktaturen agieren, und ich habe Menschen um mich herum, die meine liberale und zutiefst demokratische Grundhaltung eigentlich teilen, aber ihr Leben dafür nicht aufs Spiel setzen, weil sie wissen, dass ihre kleinen Kinder ihre Eltern verlieren könnten, die Familie keinen Broterwerb mehr hätte, und niemand den alten Eltern die lebenswichtigen Medikamente kaufen würde. Ich verachte diese Menschen nicht. Und ich bin froh, dass es in meinem Land, in Deutschland, eine immer noch ziemlich gut funktionierende Demokratie mit einem unabhängigen Rechtssystem gibt und ich selbst nicht vor die Frage gestellt werde, ob ich bereit bin, für mein politisches Engagement mein Leben zu riskieren. Ich kann nicht klar sagen, dass ich das täte, so wie mein Großvater. Was ich allerdings weiß und auch gerade hier in Osteuropa und dem Kaukasus klar beobachten kann, ist, wie wichtig es ist, sich für eine funktionierende Demokratie und eine unabhängige Justiz einzusetzen. Zu einem Zeitpunkt, in dem mein Leben dadurch nicht gefährdet ist. Bevor es zu spät ist.   

 

Inwiefern hat Ihr Großvater Sie im politischen und beruflichen Wirken beeinflusst?

Mein Vater war neun, als mein Großvater inhaftiert wurde. Und natürlich hat mein Vater – vielleicht noch nicht als Kind, aber dann später – verstanden, dass sein Vater, mein Großvater, seine politischen Ziele, das Attentat auf Hitler und die Beendigung der Herrschaft der Nationalsozialisten für wichtiger erachtet hat als seine eigene Familie. Wenn einem Kind so etwas widerfährt, gibt es wohl zwei Möglichkeiten, damit umzugehen (wahrscheinlich gibt es noch eine Menge weiterer Möglichkeiten, aber ich sehe vor allem zwei): Man kann den Vater dafür hassen und verachten, weil er seine Kinder nicht ausreichend geliebt hat, weil er sehenden Auges in Kauf genommen hat, dass seine Kinder großen Gefahren ausgesetzt werden und ohne Vater aufwachsen müssen. Die zweite Möglichkeit ist, den Vater als eine Lichtgestalt anzusehen. Er hat gewagt, was nur wenige zustande bringen: Er hat ein Leben für die Gemeinschaft geopfert, weil er überzeugt war, dass unser Leben nicht nur aus Broterwerb für sich und die Seinen besteht, sondern dass wir alle eine Verantwortung haben für unsere Gesellschaft, und für das Land, in dem wir leben. Mein Vater hat diese Perspektive gewählt. – Und wenn Sie mich fragen, inwiefern mein Großvater mich beeinflusst hat: Das ist es!    

Abschließend möchte ich noch sagen, dass ich mich in der Beantwortung Ihrer Fragen relativ kurzgefasst habe. Natürlich könnte über Vieles ausschweifender berichtet werden, und viele weitere Episoden addiert werden. Ich weiß wenig über Ihr Projekt, so fällt es mir auch schwer zu beurteilen, an wie vielen Details Sie interessiert sind. Und ich weiß auch nicht, welches Vorwissen Sie sich bereits angeeignet haben. Deshalb: Wenn Sie Fragen haben, dann bitte melden Sie sich bei mir!

Herzlichen Gruß,

Marie Luise v. Halem.

Förderer und Projektunterstützer