Ehrenamtliche des Monats

Für ein würdevolles Leben bis zuletzt

Wenn Claudia Bachmann über ihre ehrenamtliche Tätigkeit erzählt, reagieren viele Menschen ehrfurchtsvoll und sagen: „Das könnte ich nicht.“ Claudia Bachmann ist Hospizbegleiterin.

Seit 2014 arbeitet Claudia Bachmann als Hospizbegleiterin für den Ambulanten Hospiz- und Palliativberatungsdienst Sondershausen-Sömmerda-Artern. Die 54-Jährige gelernte Krankenschwester wohnt mit ihrer Lebensgefährtin in Schernberg und ist Mutter zweier Töchter und Oma von vier Enkelkindern. Unter dem Motto „Leben bis zuletzt“ betreut die zertifizierte Hospizbegleiterin Sterbende bis zum Tod. Zudem besitzt sie eine Zusatzausbildung als Trauerbegleiterin, die nach dem Tod eines geliebten Menschen die Angehörigen in ihrer Trauer begleitet und für sie da ist. Viele Sterbende wollen ihr Umfeld schonen und sprechen Dinge nicht an. Ein Sterbebegleiter hilft als Kommunikator, um diese Dinge zwischen Sterbenden und ihren Angehörigen zu vermitteln. Sie klärt, welche Angelegenheiten noch offen sind und erfragt letzte Wünsche. „Das Dasein am Sterbebett, das Erspüren, was dem Betroffenen guttut – das ist das Wichtigste“, weiß Claudia Bachmann.

Hospizbegleiter pflegen nicht, sondern bieten Handreichungen, sagt Claudia Bachmann. Das kann ein Kissen, die richtige Positionierung eines gerollten Handtuchs unter dem Nacken oder Mundpflege sein, da kurz vor dem Tod, wenn keine Nahrung mehr aufgenommen wird, der Mund stark austrocknet – Dinge, die man als Sterbebegleiter während der einjährigen Ausbildung lernt. „Wir sind keine Alternative zur Palliativpflege“, betont Claudia Bachmann. Mit dem Team des Palliativnetzwerkes Nordhausen besteht eine enge Zusammenarbeit für eine gut abgestimmte Betreuung der sterbenden Menschen. So erfasst die Hospizbegleiterin die Schmerzsituation, damit es den Betroffenen an nichts fehlt.

Angehörige entlastet sie, indem sie die Sterbenden begleitet und den Angehörigen so Zeit einräumt, selbst einen Termin wahrzunehmen. Zudem haben die meisten Menschen viele Fragen über das Lebensende. Von Claudia Bachmann erhalten sie hilfreiche Informationen, z. B. darüber, wann der Totenschein ausgefüllt wird, wie lange ein Leichnam zu Hause aufgebahrt werden darf oder wie viel Zeit zum Verabschieden für die Angehörigen nach dem Eintritt des Todes bleibt. „Diese Dinge besprechen wir am besten vorab, damit die Situation vorbereitet ist und sich alle – wenn der Moment des Verlustes gekommen ist – etwas ruhiger und sicherer damit fühlen können.“

Bevor sie Hospizbegleiterin wurde, musste sich Claudia Bachmann auch privat mehrfach mit dem Tod auseinandersetzen: Innerhalb von vier Jahren begleitete sie zunächst ihren Bruder, ein Jahr später ihren Vater und zwei Jahre darauf ihre Mutter bis zuletzt. Aufgrund einer Erkrankung an der Wirbelsäule kann die gebürtige Sächsin aus Freiberg seit 2000 ihren Beruf als ambulante Krankenschwester nicht mehr ausüben und lebt seitdem als EU-Rentnerin. „Als Krankenschwester war meine Zeit mit den Patienten sehr straff durchgetaktet und mir blieb eigentlich nie viel Zeit mit ihnen. Im Hospizdienst hingegen habe ich die Zeit für Gespräche und das Empfinden der Betroffenen. Ich schenke ihnen meine Zeit. Das empfinde ich als etwas Kostbares.“

Wie viel seiner Zeit man als Hospizbegleiter zur Verfügung stellt, bestimmt Jeder selbst. Manche ihrer ehrenamtlichen Kolleginnen stehen noch im Berufsleben, andere sind in Rente. Das Zeitkontingent wird jedes Jahr aufs Neue von der Koordinatorin erfragt. Insgesamt 38 Männer und Frauen im Alter zwischen 35 und 72 Jahren sind als Ehrenamtliche für den Ambulanten Hospiz- und Palliativberatungsdienst Sondershausen-Sömmerda-Artern tätig.

Während der letzten neun Jahre hat Claudia Bachmann 25 Begleitungen durchgeführt, davon 16 Sterbebegleitungen und 9 Trauerbegleitungen. Wird die Tätigkeit mit der Zeit leichter? „Nicht unbedingt, denn der Tod ist ähnlich, wie eine Geburt, nämlich einzigartig und immer anders. Und genauso einzigartig ist jede Begleitung. Wichtig ist auch, dass wir nicht vom Helfen sprechen. Wir können nicht helfen – wir begleiten.“ Die richtige Wortwahl helfe dabei, die Erwartungen nicht zu hoch zu halten. Doch wie erträgt man die vielen traurigen Momente? „Es ist erlaubt zu weinen und Gefühle zu zeigen, auch die Betroffenen dürfen das sehen“, sagt Claudia Bachmann. „In Form des Mitfühlens baue ich eine emotionale Bindung zu den begleiteten Menschen auf, aber nie in Form des Mitleidens. Mir hilft es, nach jedem Hospizbesuch, Notizen in mein Buch zu schreiben. Dort bleiben die Eindrücke dann und ich nehme sie nicht mit in den Schlaf“, erzählt sie.

Zu jeder Zeit steht Claudia Bachmann in engem Kontakt mit ihrer Koordinatorin. Regelmäßig finden Fallbesprechungen und Supervisionen statt. Alles, was in diesen Gesprächen bearbeitet wird, ist vertraulich und bleibt innerhalb des Hospizdienstes. Der Austausch in diesen Hospizgruppen ist für Claudia Bachmann sehr wichtig und tut ihr gut. „Gerade, wenn man Menschen sehr lang betreut hat, braucht jeder Begleiter danach eine Pause, um sich von dem Prozess zu lösen und diesen nicht in die nächste Begleitung mitzunehmen.“ Im Gegensatz zur Sterbebegleitung geht es bei der Trauerbegleitung darum, ins Leben zurückzufinden – die Begleitung läuft dementsprechend anders ab. Auch hierfür bedarf es einer Ausbildung, die auf die zum Sterbebegleiter folgen kann. Beide Ausbildungen beinhalten je 100 Stunden Theorie und ein Praktikum. Auch danach werden allen Ehrenamtlichen kontinuierlich Weiterbildungen angeboten.

Mit jeder Begleitung wird ein Kapitel abgeschlossen – es ist ein endlicher Prozess, der in Form eines Rituals der Hospizbegleiter stattfindet. Im Zentrum des Ambulanten Hospiz- und Palliativberatungsdienstes in der Cruciskirche in Sondershausen steht eine große Kerze, an die die Begleiter Symbole aus Wachs anbringen können, die sie mit den Sterbenden verbinden, die sie zuletzt begleitet haben. Mit dem zusätzlichen beruhigenden Klang einer Klangschale sagt die Begleiterin, was ihr wichtig ist. „Für mich persönlich ist es ein bewegendes Ritual, um abschließen zu können.“

Für Claudia Bachmann war die Ausbildung zum Sterbebegleiter eine wertvolle Erfahrung für sie selbst. „Ich werde mir bewusst, was ich kann und was ich fühle. Mit jeder Begleitung wachse ich und schaue anders auf mein eigenes Leben. Die Erkenntnisse empfinde ich als Geschenk“, sagt sie. Durch ihre ehrenamtliche Tätigkeit erfährt sie viel Dankbarkeit. Neben der emotionalen Arbeit findet sie ihren Ausgleich in ihrer Familie, ihren Freunden und in ihrem Garten. Hier tankt sie auf, um bald wieder einem Menschen Zeit für eine Begleitung seines Lebens zu schenken, bis zuletzt.

 

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